Kopfkino
Mit einigen Tausend Menschen teile ich jeden Morgen ein gemeinsames Schicksal: ich stehe auf der A52 im Stau. Doch egal ob es sich um diese oder eine andere Autobahn handelt, denn es ist überall im gleichen Maße frustrierend. Wie oft mir in den vergangenen Jahren die Frage durch den Kopf gegeistert ist, welchen Grund die jeweilige Blechlawine hatte, kann ich nicht genau beziffern, doch spielt es auch gar keine Rolle. Natürlich gibt es einige wetterbedingte Einflüsse wie Schnee, Regen, Nebel, erster dunkler Morgen zum Herbstbeginn, erster heller Morgen zum Frühlingsbeginn oder ähnliches, Hauptsache es begründet das Stehen auf dem Weg zum Ziel. Im Laufe der Jahre oder perspektivisch anders betrachtet mit zunehmendem Alter habe ich jedoch das Gefühl, dass es nicht mehr wichtig ist, in welcher Form oder in welchem Umfang das Naturphänomen, was zum beinahe Erliegen des Verkehrs geführt hat, auftritt. Priorität hat lediglich, dass es vorhanden ist. Denn wie sollten wir uns sonst erklären, warum wir nur im Schritttempo voranrücken. Für mich habe ich eine Theorie entwickelt, die darauf basiert, dass einige von uns es einfach wollen, ja nahezu herbeisehnen, dieses morgendliche und sich am Abend meistenteils wiederholende Erlebnis des Kolonnefahrens mit anderen zu teilen. In ihren morgendlichen Vorstellungen läuft das Szenario in der täglichen Routine, die eines jeden Alltag grundsätzlich prägt, gleichermaßen ab. Dieser Spielfim im Kopf ist nach einem festen Drehbuch eingespielt und auch die Akteure haben in diesem wiederholenden Machwerk ihre feste Rollenverteilung. Oder wie sonst sollte ich verstehen können, wenn die etwas übervorsichtige oder zur Nervösität leidende bebrillte Dame sich mit 60 km/h auf der linken Spur abmüht, während rechts auf ca. 200m alles frei ist. Oder der emotional angespannte Opel-Fahrer die letzten Möglichkeiten aus seinem fahrbaren Untersatz herausholen will, um dem hinter ihm eiligen Insassen eines Audis zu zeigen, dass er nicht gewillt ist, ihn vorbei zu lassen, auch wenn die rechte Spur hierzu ausreichend Platz aufweisen würde (sollte sich vielleicht hier eine unserer beliebten „Neiddebatten“ aufdrängen?). Und ganz nebenbei drängt sich hier die Besprechung der rechten Fahrbahnseite geradezu auf. Um es vorweg zu nehmen, dies ist nicht die Spur der „Verlierer“, derjenigen, die nicht in der Lage sind, der Schnelligkeit, oder manchmal auch dem Egoismus und der Rücksichtslosigkeit der anderen zu folgen. In Deutschland gilt das Gebot des Rechtsfahrens, zumindest soweit ich informiert bin. Und deshalb ist es auch wahrlich keine persönliche Niederlage, diese Fahrbahnseite zu benutzen und einen eventuellen Überholvorgang des vorfahrenden LKWs durch eine zügige Links-Rechts-Kombination durchzuführen. Vielleicht beginnt dann ein allgemeines Umdenken und der eine oder andere erinnert sich noch an die längst vergangenen Fahrschultage. Sollten wir dieses Kopfkino so weit führen können, dass sich aufgrund der allgemeinen Haltung, also weg vom Egoismus hin zum Mitdenken für die Allgemeinheit, nachweislich ein paar Staukilometer am Tag einsparen lassen könnten? Sollte es dann auch mir vergönnt sein, morgens pünktlich an meinem Arbeitsplatz zu erscheinen ohne den Blick jeden Tag sorgenvoll auf mein Zeitkonto zu lenken, dass schon wieder einige Stunden mehr im Minus ausweist, weil ich mal wieder für eine 50 Kilometer-Strecke fast zwei Stunden benötigt habe? Oh du selige Traumwelt! Bevor es zu diesem Idealzustand kommen wird, werde ich mich weiterhin an der Realität orientieren und jeden Tag das gleiche Stoßgebet gen Himmel schicken mit der Bitte, mehrheitlich die Autofahrer auf meinem Weg zu haben, die der mitdenkenden Form unserer Speziez zugehören.
Da ich dieses Ende jedoch zu destruktiv finde, hier noch eine kleine Anekdote aus dem letzten Winter:
Nach nahezu 1 ½ qualvollen Stunden, die ich bereits auf dem Weg nach Düsseldorf hinter mich gebracht hatte, stand ich auf einer Straße, die zum Messegelände führt. Meinen Coffee-to-go-Becher, der seit einiger Zeit nur noch Luft beinhaltete, hielt ich ziemlich geistesabwesend in der Hand, und weil die Zeit unaufhörlich verrann, und es nicht weiterging und ich mich bereits für den Planung des Restprogramms dieses Tages unabänderlich Richtung Chaos bewegte, rannen mir aus purer Verzweiflung die Tränen über mein Gesicht. Auf einmal klopfte jemand von links an meine Scheibe (richtig aufgemerkt, ich fuhr auf der rechten Spur!!!). Ein Taxifahrer war auf seinen Beifahrerplatz gerückt und hielt mir seine Thermoskanne durch das geöffnete Seitenfenster. Auch ich hatte meine Scheibe heruntergedreht und hielt ihm so tränenüberströmt und dankbar meinen Becher entgegen, ohne auch nur ein Wort sagen zu können. „Sie sahen so traurig aus, dass ich dachte, sie könnten vielleicht einen Schluck Wärme vertragen.“ So herzlich, wie es mir möglich war, angesichts meiner tränenerstickter Stimme, bedankte ich mich dann doch noch bei ihm und werde diesen wunderbaren Menschen, an dessen Gesicht ich mich leider nicht mehr erinnern kann, nie mehr vergessen. Für solche Augenblicke der Menschlichkeit danke ich dem lieben Gott. Der Kaffee war wunderbar, und der Stau gar nicht mehr vorhanden.
Da ich dieses Ende jedoch zu destruktiv finde, hier noch eine kleine Anekdote aus dem letzten Winter:
Nach nahezu 1 ½ qualvollen Stunden, die ich bereits auf dem Weg nach Düsseldorf hinter mich gebracht hatte, stand ich auf einer Straße, die zum Messegelände führt. Meinen Coffee-to-go-Becher, der seit einiger Zeit nur noch Luft beinhaltete, hielt ich ziemlich geistesabwesend in der Hand, und weil die Zeit unaufhörlich verrann, und es nicht weiterging und ich mich bereits für den Planung des Restprogramms dieses Tages unabänderlich Richtung Chaos bewegte, rannen mir aus purer Verzweiflung die Tränen über mein Gesicht. Auf einmal klopfte jemand von links an meine Scheibe (richtig aufgemerkt, ich fuhr auf der rechten Spur!!!). Ein Taxifahrer war auf seinen Beifahrerplatz gerückt und hielt mir seine Thermoskanne durch das geöffnete Seitenfenster. Auch ich hatte meine Scheibe heruntergedreht und hielt ihm so tränenüberströmt und dankbar meinen Becher entgegen, ohne auch nur ein Wort sagen zu können. „Sie sahen so traurig aus, dass ich dachte, sie könnten vielleicht einen Schluck Wärme vertragen.“ So herzlich, wie es mir möglich war, angesichts meiner tränenerstickter Stimme, bedankte ich mich dann doch noch bei ihm und werde diesen wunderbaren Menschen, an dessen Gesicht ich mich leider nicht mehr erinnern kann, nie mehr vergessen. Für solche Augenblicke der Menschlichkeit danke ich dem lieben Gott. Der Kaffee war wunderbar, und der Stau gar nicht mehr vorhanden.
Der Plan der Ente - 15. Dez, 22:34
